Wie geht es weiter? Fünf Fragen zur Konjunkturprognose

Ein Arbeiter schweist in einer Werkstatt. Symbolbild für die Konjunktur.
Düstere Prognosen für Österreichs Wirtschaft: Die Rezession hält an und sorgt weiterhin für Unsicherheit. | © Adobe Stock/Photocreo Bednarek
Österreich steckt das dritte Jahr in Folge in der Rezession, weil globale Unsicherheit und Diskussionen zur Budgetkürzung bremsen. Die Wirtschaftspolitik der USA und der Ukrainekrieg verschärfen die Lage. Was jetzt nötig wäre, ist trotz allem Zuversicht, sagt AK-Wirtschaftsforscher Michael Ertl.
Die Konjunkturprognose des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (WIFO) fällt nach Jahren der Krisen und Rezession erneut düster aus – so wie die vorige auch schon. Doch warum kann das Land nicht durchstarten? Die Antwort findet sich zwischen globalen Krisen und zögerlichem Konsum hierzulande. Michael Ertl erklärt, wie Österreichs Konjunktur wieder in Schwung kommt.

Warum steckt Österreich noch immer in der Rezession?

Michael Ertl: Dafür gibt es mehrere Gründe: Erstens leidet Österreich – und die ganze Welt – unter der sprunghaften Zoll- und Wirtschaftspolitik der USA sowie dem anhaltenden Krieg in der Ukraine. Das erzeugt Unsicherheit. Aber genau das Gegenteil ist notwendig: Es braucht Zuversicht. Der Mangel an Zuversicht ist auch für den zweiten Grund verantwortlich: Haushalte konsumieren trotz gestiegener Einkommen nur vorsichtig, weil die wirtschaftliche und politische Lage aktuell sehr ungewiss ist. Unternehmen stehen vor einer ähnlichen Situation: Aufgrund mangelnder Planbarkeit verringern sie ihre Investitionen. Zudem trafen die hohen Kreditzinsen besonders die Bauwirtschaft. Sie stiegen, weil die Europäische Zentralbank die Leitzinsen erhöhte.

Lohnzurückhaltung, wie es Wifo und IHS fordern, sieht Michael Ertl, AK-Wirtschaftsexperte, als kontraproduktiv: "Eine Verlängerung der Rezession könnte die Folge sein." | © Markus Zahradnik
Lohnzurückhaltung, wie es Wifo und IHS fordern, sieht Michael Ertl, AK-Wirtschaftsexperte, als kontraproduktiv: „Eine Verlängerung der Rezession könnte die Folge sein.“ | © Markus Zahradnik

Warum trifft es Österreich aktuell härter als andere Länder? Ist unsere Wirtschaft besonders schlecht aufgestellt?

Österreichs Wirtschaftsleistung pro Kopf gehört zu den höchsten in Europa und unsere Industrie hat sich im vergangenen Jahrzehnt deutlich besser entwickelt als in Deutschland oder im restlichen Euroraum. Momentan spüren wir als Industrieland die Auswirkungen der schwachen Industriekonjunktur im gesamten Euroraum. Im Vergleich zu Deutschland trugen 2024 gemäß WIFO auch der Handel sowie Beherbergung und Gastronomie zur unterschiedlichen Entwicklung bei.

Aktuell sparen die Österreicher:innen deutlich mehr als in den Jahren vor der Inflationskrise. Warum wird so viel auf die Seite gelegt?

Ob gespart wird, hängt stark von der finanziellen Situation der Haushalte ab. Erstens nimmt die Einkommensungleichheit zu. Das bedeutet, dass reichere Haushalte etwa durch höhere Einnahmen aus Vermietung mehr verdienen, aber nicht entsprechend mehr konsumieren. Einkommensschwächere Haushalte geraten hingegen – durch höhere Fixkosten wie Miete, Strom und Lebensmittel – unter Druck und erleben finanzielle Engpässe. Zweitens schieben viele Haushalte größere Ausgaben auf, da die Kreditzinsen in den vergangenen Jahren sehr hoch waren. Sie sparen also notgedrungen, indem sie beispielsweise den Wohnungskauf oder den Hausbau aufschieben müssen. Drittens führt die aktuelle wirtschaftliche Unsicherheit mit steigenden Preisen, Rezession und Arbeitslosigkeit dazu, dass vor allem mittlere und untere Einkommensgruppen mehr sparen.

Wifo-Chef Felbermayr als auch IHS-Chef Holger Bonin plädieren angesichts der schwachen Entwicklung für Lohnzurückhaltung. Wie sinnvoll ist dieser Vorschlag?

Die Löhne haben erst die massiven Einbrüche in den Jahren 2021 bis 2023 aufholen müssen. Die Arbeitnehmer:innen verdienen heuer pro Kopf kaufkraftbereinigt nur 2 Prozent mehr als 2020. Und das, nachdem die Wirtschaft von 2016 bis 2018 gewachsen ist, die Löhne aber nicht mithalten konnten. Lohnzurückhaltung würde den Konsum weiter schwächen. Mit der Forderung von realen Kürzungen bei Pensionen und Löhnen schüren die beiden Wirtschaftsforscher die Unsicherheit bei den Menschen weiter: eine Verlängerung der Rezession könnte die Folge sein.

Die neue Regierung steht und Markus Marterbauer, Chefökonom der @arbeiterkammer.bsky.social, wurde als neuer Finanzminister angelobt. Im Sommer sprachen wir mit ihm darüber, wie Österreichs Wirtschaft wieder in Schwung kommt. 👇

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— Arbeit&Wirtschaft Magazin (@aundwmagazin.bsky.social) 3. März 2025 um 17:15

Welche Maßnahmen muss die Regierung vornehmen, um die Konjunktur wieder anzutreiben?

Es braucht mehr Zuversicht durch Maßnahmen der Regierung und einen Fokus auf produktivitäts- und beschäftigungsfördernde Maßnahmen. Wir schlagen ein Beschäftigungspaket sowie Qualifizierungsmaßnahmen vor, die Menschen durch Auf- und Weiterqualifizierung in besser bezahlte Jobs bringen sollen. Eine Produktivitätsstrategie ist nötig, und alle Forschungsinstitute sind eingeladen, Konstruktives beizutragen. Gleichzeitig muss das hohe Defizit mittelfristig gesenkt werden – durch Beiträge derer, die es sich ohne weiteres leisten und können und die derzeit im OECD-Schnitt extrem wenig Steuern zahlen: Vermögende.

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