
Für Aufregung sorgte im Herbst 2018 die Einführung des 12-Stunden-Tages. Den beschreiben Sie als familienfeindlich. Warum?
Der 12-Stunden-Tag wurde als Flexibilisierungsmaßnahme angepriesen, das ist er aber vor allem für Unternehmen. Das Argument, dass ArbeitnehmerInnen sich die Zeit besser einteilen können, ignoriert, dass es eine Machtungleichheit zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer gibt. Das betrifft vor allem den Niedriglohnbereich mit vielen potenziellen Ersatzarbeitskräften.
Das Argument, dass ArbeitnehmerInnen sich die Zeit besser einteilen können, ignoriert, dass es eine Machtungleichheit zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer gibt.
Es ist familienfeindlich, weil Kinderbetreuungseinrichtungen nicht darauf ausgelegt sind. Im Großteil der Fälle wird sich der andere Elternteil – meist die Mutter – um die Kinder kümmern. Das setzt voraus, dass der zweite Elternteil nicht Vollzeit arbeitet, und benachteiligt vor allem Alleinerziehende. Das verstärkt die prekäre Lage von Frauen, Stichwort Altersarmut. Zudem sind die längeren Freizeitblöcke durch erhöhten Erholungsbedarf nur eingeschränkt nutzbar.
Bekannt sind auch gesundheitliche Folgen von Konzentrationsschwierigkeiten über Depression bis zu Schlafproblemen. Unternehmen verzeichnen höhere Fluktuation und Krankenstände. Wenn man sich das anhand wissenschaftlicher Studien ansieht, ist diese Maßnahme nicht zielführend.
Es fehlt an Kinderbetreuungsplätzen. Drängt das Frauen in die Teilzeit?
Die Regierung spricht vom Wert der Gleichberechtigung, streicht aber Frauenprojekten das Geld. Wie passt das zusammen?
Aus soziologischer Perspektive definieren sich Werte über Handlungen. Bei der Regierung kann man sehen, dass in vielen Bereichen das, was kommuniziert wird, sich nicht in der politischen Programmatik widerspiegelt. Dazu zählt der Grundsatz, dass sich Arbeit lohnen muss. Wir haben 300.000 Menschen in Österreich, die Vollzeit arbeiten und trotzdem unter der Armutsgefährdungsschwelle liegen. Aber über diese Working Poor wird nicht gesprochen. Die Tatsache, dass Arbeit nicht mehr vor Armut schützt, finde ich politisch hoch brisant. In den USA gibt es das Phänomen schon länger, in Österreich ist das relativ neu und wird bis jetzt politisch nicht angegangen.
Lassen sich Vorurteile, die hinter Abgrenzungen stecken, überwinden?
Wir alle sind geprägt von unserer Umwelt und können uns aus dieser nicht komplett herausnehmen. Wichtig ist aber, dass man nicht unhinterfragt Wordings und Bilder übernimmt und dass man verinnerlicht: Etwas zu verstehen heißt nicht automatisch, damit übereinzustimmen. Um eine Person zu verstehen, muss man auf das Gesagte eingehen und Interesse und Zeit aufbringen, sich zu fragen, was dahintersteckt.
Es ist eine Illusion zu glauben, dass Meinungen, Haltungen und Werte auf Fakten beruhen. Sie sind ein Produkt der jeweiligen Lebenssituation.
Es ist eine Illusion zu glauben, dass Meinungen, Haltungen und Werte auf Fakten beruhen. Sie sind ein Produkt der jeweiligen Lebenssituation. Insgesamt wäre es erstrebenswert, stärker zu versuchen, aus seinen Kreisen hinauszugehen. Ich finde es wichtig, dass man in Bubbles ist und sich auch in Räumen bewegt, in denen Konsens herrscht. Aber Austausch und die Konfrontation mit „dem Anderen“ wären wichtig, damit der Bezug zur gesellschaftlichen Realität nicht verloren geht.
Wie kann diese Konfrontation mit „dem Anderen“ gut gelingen?
Ich möchte ein positives Plädoyer für Kritik halten. Aktuell wird von rechtspopulistischer Seite Kritik als persönlicher Angriff diffamiert, und kritische JournalistInnen oder WissenschafterInnen werden öffentlich angegriffen. Das ist eine extrem gefährliche Tendenz, weil Kritik in Demokratien essenziell ist, um sie lebendig zu erhalten. Sonst leben wir in einem autoritären System, wenn nur eine Meinung geduldet wird. Deshalb ist konstruktive Konfrontation wichtig, also eine, in der auf das Gesagte eingegangen wird, Kritik geschätzt wird und es keine Ambitionen gibt, sich gegenseitig mundtot zu machen oder zu zerstören.
Udo Seelhofer und Sandra Knopp
Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Arbeit&Wirtschaft 4/19.
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