Kampf für die Rechte von Kenias Beschäftigten
Damals waren die Rechte vieler Arbeitnehmer:innen in Kenia gesetzlich noch stark beschränkt. Als junge Mutter hatte Teresa Wabuko stets Probleme, wenn ein Kind krank wurde und sie nicht zu den Schichten antreten konnte. Auch die Bezahlung sei ungleich verteilt gewesen. „Es gab Leute, die wurden aufgrund ihrer familiären Beziehungen eingestellt und besser bezahlt“, so Wabuko. „Krankenschwestern wie ich, die aufgrund ihrer Qualifikation angeheuert wurden, gingen bei Lohnerhöhungen leer aus.“ So kam es, dass sie an ihren freien Tagen in anderen Kliniken aushalf, um genug Geld für ihre Familie nach Hause zu bringen. „Schließlich entschied ich gemeinsam mit vier Kolleginnen, in eine Gewerkschaft einzutreten.“
Viele bewarben sich in der Hoffnung auf gutes Geld.
Doch die Familien bekamen dann nur Särge zurück.
Teresa Wabuko
KUDHEIHA heißt die kenianische Gewerkschaft für Haus- und Hotelangestellte sowie für Angestellte im Bildungs- und Gesundheitssektor. Als Teresa Wabuko 2001 Mitglied wurde, schrieb die Organisation der Klinikverwaltung einen Brief: Wabuko würde von nun an durch die Gewerkschaft vertreten. „Doch zu jener Zeit war es für viele Einrichtungen ein ungeschriebenes Gesetz, keine gewerkschaftliche Tätigkeit zu erlauben“, erinnert sie sich. Die Konsequenzen bekam sie direkt zu spüren. „Ich wurde von der Krankenhausverwaltung einbestellt, denn sie betrachtete dies als Beleidigung.“ Die Folge war die fristlose Kündigung. Die junge Frau zog vor Gericht und verlangte Entschädigung. Es folgte ein sieben Jahre dauernder Rechtsstreit. Zu jener Zeit bot ihr die Gewerkschaft KUDHEIHA letztlich einen Job an, denn es gab jede Menge zu tun. „Dort konnte ich mich wirklich nützlich machen“, sagt Wabuko.
Falle Arbeitsmigration
Das Ganze spielte sich zu einer Zeit ab, in der den Menschen in Ostafrika Jobs in den verschiedenen arabischen Staaten angeboten wurden. Großfamilien in Oman, Saudi-Arabien, dem Libanon, Jordanien oder den Emiraten suchten preiswerte Hausangestellte: von der Haushälterin übers Kindermädchen bis hin zur Kranken- und Altenpflegerin. Angeworben wurden diese Frauen über dubiose Agenturen in Ostafrika, so auch in Kenia. „Sie zogen vor allem in den armen Regionen durch die Dörfer und versprachen den Frauen gute Jobs im Ausland“, erinnert sich Wabuko. „Viele bewarben sich in der Hoffnung auf gutes Geld. Doch die Familien bekamen dann nur Särge zurück.“
Die Arbeitsmigration aus Afrika in die Golfstaaten war zu jener Zeit, in der Wabuko bei KUDHEIHA dafür zuständig wurde, noch komplett unreguliert. Es gab keinerlei Abkommen zwischen den Regierungen über die Rechte dieser Arbeitsmigrant:innen. Die meisten reisten mit Touristenvisa ein und endeten in Arbeitsverhältnissen, in denen sie ausgebeutet, geschlagen, mitunter gefoltert, vergewaltigt oder gar ermordet wurden. Unter den Opfern waren auch viele minderjährige Mädchen, so Wabuko: „Sie fälschten das Alter auf den Formularen und schmissen die Schule, um im Ausland arbeiten zu gehen.“
Regulierung der Arbeitsmigration
Wabuko entschied, nebenbei Psychologie zu studieren, um betroffenen Frauen im Gespräch besser beistehen zu können. Und sie startete eine Aufklärungskampagne. Sie ließ Radio- und Fernsehanzeigen schalten, in denen sie über die Risiken aufklärte. Sie zog durch die Dörfer, um die Familien aufzuklären, sie sprach mit Dorfvorstehern, informierte sie darüber, dass sie auf einen Arbeitsvertrag bestehen sollten, der auf Englisch formuliert ist und Versicherungsfragen im Fall von Krankheiten klärt. Bei der kenianischen Regierung betrieb sie Lobbyarbeit – mit Erfolg. Im Jahr 2014 wurde diese Form der Arbeitsmigration zunächst suspendiert.
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Als die Suspension 2016 wieder aufgehoben wurde, waren bereits zahlreiche bilaterale Abkommen mit den arabischen Ländern unterzeichnet worden. Das kenianische Arbeitsamt hatte nun die Aufgabe, die Vermittlungsagenturen zu lizensieren, Regeln über Verträge auszuarbeiten sowie direkte Beschwerden der Arbeiter:innen entgegenzunehmen. Derzeit debattiert das Parlament über ein Gesetz, das die Arbeitsmigration ins Ausland bis ins Detail regulieren soll. Zudem wurde ein Fonds aufgesetzt, um Geld bereitzustellen, falls im Krankheitsfall ein:e Arbeiter:in zurückgeholt werden muss, sowie die Möglichkeit geschaffen, in eine Pensionskasse einzubezahlen.
Worauf sie heute besonders stolz sei, so Wabuko, sei die Einrichtung mehrerer Infozentren für Arbeitsmigrant:innen landesweit. Auch zurückkehrende Arbeiter:innen können sich dorthin wenden. „Wir trainieren derzeit mehr als 660 Rückkehrer:innen, wie sie mit ihrem angesparten Geld ein Unternehmen aufmachen und investieren.“ Dank ihres Psychologiestudiums ist Teresa Wabuko nun auch in der Lage, Opfer von Gewalt zu beraten: „Ich habe rückblickend das Gefühl, dass ich hier etwas erreicht habe, das für viele Menschen sehr viel bedeutet“, sagt sie und strahlt über das ganze Gesicht.
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