Milliarden-Betrug in der New Economy
Nein, natürlich gehört René Benko nicht in diese Riege. Zwar hinterlässt der Kollaps seiner Signa Holding einige Fragen, doch die kriminelle Energie der erwähnten Personen kann man Benko nicht nachsagen. Doch es ist auffällig, in welcher Geschwindigkeit die New Economy Heldinnen und Helden schafft, die dann dramatisch fallen und sich zum Milliarden-Betrug entwickeln. Ein Katalysator für diesen Trend ist das Magazin Forbes.
Es kürt regelmäßig Aufsteiger:innen und Gewinner:innen. Es nennt die reichsten, schlausten und innovativsten Manager:innen und Gründer:innen. Andere Medien greifen diese Berichte dann auf und es entsteht ein medialer Wirbel. Weil die Taktzahl aber enorm hoch ist, scheint die Recherche zu leiden. Für eine Analyse der Geschäftszahlen oder ein Check der vermeintlichen Innovation gibt es eben keine Zeit, wenn man „30 unter 30“ finden muss. Deswegen kommen diese Listen und Auszeichnungen in regelmäßigen Abständen wie ein Bumerang zu Forbes zurück.
Nämlich immer dann, wenn ein erst kürzlich gekürter Superstar pleitegeht oder ins Gefängnis muss. Die Digitalisierung hat den Durchlauf enorm erhöht. Doch auch daraus schlug das Magazin Profit und erfand einfach die „Hall of Shame“. Hier landen die Menschen, die erst gefeiert wurden und dann abstürzten.
Sam Bankman Fried & Caroline Ellison: FTX
Die beiden sind der aktuellste Fall. Denn der Richterspruch gegen Sam Bankman Fried steht noch aus. Eine Jury hat ihn bereits schuldig gesprochen und es drohen bis zu 110 Jahre Haft. Theoretisch. In der Praxis erwarten Expert:innen, dass es etwa 20 bis 30 Jahre für diesen Milliarden-Betrug werden. Caroline Ellison, seine Partnerin (privat wie geschäftlich), packte vollständig aus, was zu einer drastischen Strafminderung führen dürfte, sollte sie überhaupt ins Gefängnis müssen.
Bankman Fried hatte zwei Unternehmen. Die Kryptobörse FTX und den Hedgefonds Alameda Research. Bei FTX konnten Kunden mit Kryptowährungen und ein paar anderen Finanzprodukten handeln. Alameda Research wiederum handelte ebenfalls mit digitalen Vermögenswerten, allerdings im großen Stil. Ellison war hier Geschäftsführerin.
Allerdings keine sehr erfolgreiche. Alameda machte mit hochriskanten Anlagen Milliardenverluste. Aus Sicht von Bankman Fried war das kein Problem. FTX glich die Verluste einfach mit den Einlagen der Kund:innen aus. Nach eigener Auffassung ist Ellison unschuldig. „Er hat mich angewiesen, Straftaten zu begehen“, sagte sie über ihren ehemaligen Partner aus. Als erste Zahlungsschwierigkeiten bei FTX auftraten, kam es zu einem sogenannten „Bankrun“. Die Kund:innen wollte alle gleichzeitig ihr Geld zurück. Das Problem war, dass etwa zehn Milliarden Dollar fehlten. Oder in den Worten von Staatsanwealt Damian Williams: „Sam Bankman Fried hat einen der größten Finanzbetrugsfälle in der amerikanischen Geschichte begangen.“
Charlie Javice: Frank
Auch zu Charlie Javice hat Damian Williams eine klare Meinung: „Diese Verhaftung sollte Unternehmer warnen, die lügen, um ihr Unternehmen voranzubringen. Die Lügen werden sie einholen.“ Und tatsächlich scheint Javice ziemlich dreist vorgegangen zu sein. Im Jahr 2017 hatte sie das Unternehmen TAPD Inc. gegründet. Bekannt war es für die Plattform „Frank“. Hier erhielten Student:innen Hilfe beim Ausfüllen des „Free Application for Federal Student Aid“. Ein kostenloses Formular der US-Regierung, mit dem Studierende finanzielle Unterstützungen für das College beantragen konnten. Frank war schneller und unkompliziertes als das staatliche System.
Und tatsächlich nutzten etwa 300.000 Student:innen den Service. Als jedoch das Bankhaus JPMorgan Chase Interesse daran hatte, Frank zu übernehmen, gab sie an, bereits vier Millionen Nutzer:innen zu haben. Javice soll Daten von über vier Millionen Studenten gekauft und in das System von Frank eingepflegt haben. Für das scheinbar riesige Fintech-Unternehmen zahlte J.P. Morgan dann 175 Millionen Dollar. Javice erhielt 20 Millionen Dollar für ihre Aktien und 21 Millionen Dollar als Bonus.
JPMorgan verklagte Javice im Jahr 2022 wegen Betrugs. Javice reichte Gegenklage ein – sie sei nur der Sündenbock für die mangelhafte Prüfung der Bank vor der Übernahme. Dazu kommt eine Klage gegen Javice wegen Telekommunikations- und Wertpapierbetrugs von der Staatsanwaltschaft in Manhattan. Und auch die Börsenaufsicht hat bereits Klage eingereicht.
Adam Neumann: WeWork
Adam Neumann ist ein charismatischer Manager mit vielen Ideen. Und einigen Kontroversen. Er unterscheidet sich vom Rest der Liste dadurch, dass er nicht vor Gericht musste. Als Blender würden ihn dennoch viele bezeichnen. Neumann ist der Gründer der Firma WeWork, die Shared Working Spaces anbietet.
Das Geschäftsmodell funktioniert so: WeWork mietet Büro-Immobilien und vermietet sie dann an Selbstständige oder kleinere Firmen weiter. Allerdings inklusive hochpreisigem Rundum-sorglos-Paket – eine Empfangsperson, die Post annimmt; Reinigungskräfte, die alles in Schuss halten; guter Kaffee und natürlich Internet. Die Idee kommt gut an und im Jahr 2019 ist WeWork mit geschätzt 47 Milliarden Dollar das weltweit wertvollste Start-up. Neumann lässt sich zu Aussagen hinreißen, die in Summe kein Bild eines gesunden, zurechnungsfähigen Milliarden-Managers zeichnen. Etwa sein Wunsch, der weltweit erste Billionär zu werden, ein WeWork-Büro auf dem Mars zu eröffnen, ewig leben zu wollen oder Tequila bei Bewerbungsgesprächen auszuschenken.
Doch noch surft er eine Erfolgswelle ab. Nur logisch also, dass WeWork an die Börse soll. Bei dieser Gelegenheit schauen sich Ratingagenturen das Geschäftsmodell etwas genauer an und kommen zu dem Schluss, dass WeWork kaum mehr als Ramsch sei. Weil Neumann wegen diverser Skandale mittlerweile mehr Last als Hoffnungsträger war, kaufte ihn die Softbank, ein japanischer Investor, für 1,7 Milliarden Dollar aus dem Unternehmen raus.
Martin Shkreli: MSMB Capital Management
Martin Shkreli erhielt vom Magazin CNNMoney den Titel „meistgehasster Mann in Amerika“. Er erhielt ihn, weil er es sich nicht nur mit Patient:innen, sondern auch mit der Pharmabranche verscherzte. Shkreli hat den Hedgefonds MSMB Capital Management. Er hat sich darauf spezialisiert, Firmen zu kaufen, die Nischenmedikamente vertreiben. Das hat den Vorteil, dass Shkreli enorme Marktmacht in der Nische hat. Denn die Entwicklung von Medikamenten ist teuer. Ist die Nische zu klein, lohnt es sich häufig nicht.
Ein Musterbeispiel für dieses Vorgehen ist das Medikament Daraprim, das vor allem für AIDS-Patient:innen wichtig ist. Die Patente dafür sind längst ausgelaufen, Konkurrenten scheuen aber die nötigen Investitionen. Shkreli erhöhte im September 2015 die Preise von 13,50 Dollar pro Tablette auf 750 Dollar. Das Vorgehen war so dreist, dass sich selbst Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton einmischte und ankündigte, Medikamentenpreise zu deckeln, sollte sie gewählt werden. Nach dieser Ankündigung rauschten diverse Pharma-Aktien in den Keller und die Branche gab Shkreli die Schuld dafür. Er hätte den Bogen schlicht überspannt.
Wegen der Zweckentfremdung von Investorengeldern wurde Shkreli im Sommer 2017 verurteilt und muss für fünf Jahre ins Gefängnis. Geradezu verstörend ist ein Video von Shkreli bei einer Befragung im Kongress. Er bekommt die Beschwerde einer AIDS-kranken, schwangeren Frau vorgelesen und muss dabei so unverschämt grinsen, dass der Abgeordnete Elijah Cummings ihn fragt, ob er überhaupt zuhöre.
Elizabeth Holmes: Theranos
Nichts weniger als eine Revolution in der Biotechnologie versprach Elizabeth Holmes mit ihrem Unternehmen Theranos. Und die Menschen glaubten ihr. Wegen ihrer Auftritte im schwarzen Rollkragenpullover wurde sie schnell zum „weiblichen Steve Jobs“ hochgejazzt. Im Jahr 2015 gehörte sie laut dem Magazin Times zu den 100 einflussreichsten Menschen der Welt.
Ihr Erfolg basierte auf einem neuen Bluttest. Nur wenige Tropfen Blut würden ausreichen, um Tests für 240 Krankheiten durchführen zu können. Für derartige Analysen müssten eigentlich diverse Ampullen Blut abgezapft werden. Die Testverfahren sind kompliziert und teuer. Bei Theranos nicht. Sagt Holmes. Schnell kommen erste Zweifel auf. Doch Holmes wehrt sich geschickten Auftritten im Fernsehen gegen jede Kritik. „Erst denken sie, du bist verrückt. Dann bekämpfen sie dich. Und dann änderst du die Welt“, ist einer ihrer Slogans.
Rupert Murdoch investierte 125 Millionen Dollar, nochmal 140 Millionen kommen von der Apotheken-Kette Walgreens. Theranos wird mit 9 Milliarden Dollar bewertet. Das Problem ist: Die Kritiker hatten Recht. Die Theranos-Tests haben nie funktioniert. Nicht einmal im Ansatz. Es folgte eine Klage wegen Betrugs und am 30. Mai 2023 trat Holmes eine rund elfjährige Haftstrafe an.