Gleicher Lohn – gerechter Lohn?

Im Jahr 1917 setzte die freigewerkschaftliche Organisation der MetallarbeiterInnen erstmals in Österreich „gleichen Lohn für gleiche Arbeit“ durch. Die Frauen in der Rüstungsindustrie erhielten von da an gleich viel bezahlt wie ihre (nur noch wenigen) Kollegen. Dass dieser Durchbruch gegen Ende des Ersten Weltkriegs erzielt werden konnte, ist kein Zufall. Hinter dem Vorgehen der Gewerkschaft steckte vielmehr eine ganz nüchterne Überlegung: Frauen ersetzten die Männer an der Front. Niedrigere Löhne für Frauen an Männerarbeitsplätzen hätten Lohndumping Tür und Tor geöffnet, wenn die Männer nach Kriegsende zurückkehrten. Aber nicht alle Unternehmen hielten sich an den Kollektivvertrag und mit der Niederlage Österreich-Ungarns 1918 war es mit der teilweisen Lohngleichheit vorbei. 

Außerdem hieß „gleicher Lohn“ auch 1917 nicht automatisch „gerechter Lohn“. Genau darauf machte Adelheid Popp, die Pionierin der sozialdemokratischen Arbeiterinnenbewegung, in einem Artikel für die „Arbeiter-Zeitung“ aufmerksam. Der Beitrag sollte im März 1917 erscheinen, fiel aber der Kriegszensur zum Opfer und konnte erst in der demokratischen Republik veröffentlicht werden. Die Entlohnung der Arbeiterinnen ist hier (in den Donawitzer Hüttenwerken in der Steiermark) der gleiche wie bei den Männern, schrieb Adelheid Popp, jedoch bekommen die Frauen, deren Männer auch im Betrieb arbeiten, keine Teuerungszulage. Dass das kein Irrtum ist, beweisen die vorliegenden Lohnzettel. … Über die Verschiedenheit der Entlohnung von Frauen und Männern (in der Munitionsfabrik Blumau in Niederösterreich) sei ein Beispiel angeführt: Beim Deckeldrehen für Wurfminen bekommen männliche Dreher einen Taglohn von zehn Kronen, Frauen sechs Kronen bei derselben Leistung.

Ein paar Worte über die Löhne. Diese schwanken ungeheuer. Es ist zu beachten, dass die Frauen mit ihrer Kraft nicht hauszuhalten verstehen; gewohnt, daheim ohne Rast und Ruhe tätig zu sein, … setzen sie dieses System auch als Arbeiterinnen fort. Da die Masse der Arbeiterinnen … mit allen gewerkschaftlichen Prinzipien unvertraut ist, verstehen sie nicht, dass ihr intensiver Fleiß nicht Belohnung, sondern Strafe heraufbeschwört. Sie verdienen zu viel, das führt zu Lohnherabsetzungen, und aufs Neue müssen sie alle ihre Kräfte anspannen, um höheren Lohn zu erreichen. … Da sie aber schlechter ernährt sind als die männlichen Arbeiter, so erschöpfen sich ihre Kräfte rascher. Haben wir doch in unseren Aufzeichnungen die Tatsache vermerkt, dass die Arbeiterinnen infolge der Überanstrengung in den Munitionsbetrieben alle zehn bis zwölf Tage menstruieren. Man kann sich eine Vorstellung machen, wie dieser ständige Blutverlust die Frauen schwächt.

Ausgewählt und kommentiert von Brigitte Pellar
brigitte.pellar@aon.at

Von Brigitte Pellar, Historikerin

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Arbeit&Wirtschaft 9/16.

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